Aminosäuren und Proteinqualität von Mykoprotein

Alle neun essenziellen Aminosäuren, ein PDCAAS aus einem Abstract, kein DIAAS – und trotzdem überzeugende Muskelstudien. Die Belegkette im Detail.

Kurz gesagt: Mykoprotein enthält alle neun essenziellen Aminosäuren. Der oft zitierte PDCAAS-Wert von 0,996 (fast das Maximum) stammt allerdings aus einem einzigen Konferenz-Abstract von 2010, und ein publizierter In-vivo-DIAAS-Wert existiert für Mykoprotein bis heute nicht (Stand 31.08.2026). Die stärkere Evidenz liefert ein anderes Feld: randomisierte Studien, in denen Mykoprotein die Muskelproteinsynthese mindestens so gut stimulierte wie Milchprotein.

Was PDCAAS und DIAAS überhaupt messen

Beide Kennzahlen bewerten, wie gut ein Protein den menschlichen Bedarf an essenziellen Aminosäuren deckt – unter Berücksichtigung der Verdaulichkeit. Der ältere PDCAAS deckelt bei 1,0 und misst die Verdaulichkeit über den gesamten Darm; der neuere DIAAS misst am Ende des Dünndarms und gilt als genauer. Werte um 1,0 bedeuten: hochwertig wie Milch- oder Eiprotein.

Die Belegkette – ehrlich aufgedröselt

Erste Hinweise

PDCAAS von Mykoprotein: 0,996

Quelle ist das Konferenz-Abstract von Edwards & Cummings (2010) – kein peer-reviewtes Vollpaper, keine unabhängige Replikation gefunden. Der Wert ist plausibel und wird breit zitiert, steht aber auf einer schmalen Primärbasis. Erstlimitierend laut Abstract: Methionin und Cystein.

Nicht belegt

Ein DIAAS-Wert für Mykoprotein

Es existiert kein publizierter In-vivo-DIAAS-Wert für Fusarium-venenatum-Mykoprotein (Stand 31.08.2026) – auch die Fachliteratur benennt diese Lücke („no DIAAS values are so far reported for mycoproteins“, Crit Rev Food Sci Nutr 2024). Wo Ihnen ein DIAAS für Mykoprotein begegnet, ist er gerechnet oder erfunden – fragen Sie nach der Studie.

Gut belegt

Mykoprotein stimuliert die Muskelproteinsynthese auf Milchprotein-Niveau

Mehrere randomisierte kontrollierte Studien der Exeter-Gruppe: 70 g Mykoprotein stimulierten die Muskelproteinsynthese in Ruhe und nach Training stärker als isonitrogenes Milchprotein (Monteyne 2020); eine vegane Hochprotein-Diät auf Mykoprotein-Basis hielt über 10 Wochen Krafttraining mit einer omnivoren Diät mit (Monteyne 2023); gegen Erbsenprotein zeigte sich Gleichstand (West 2023). Kennzeichnung: peer-reviewte RCTs, aber überwiegend aus einer Forschungsgruppe und teils vom Hersteller Marlow Foods mitfinanziert – unabhängige Replikation durch andere Gruppen steht aus.

Was das praktisch bedeutet

Für Kraftsport und Muskelerhalt ist die Datenlage erfreulich klar: Mykoprotein funktioniert als vollwertige Proteinquelle, auch in rein pflanzlicher Ernährung. Die zugelassenen EU-Angaben dürfen dafür verwendet werden: „Proteine tragen zu einer Zunahme an Muskelmasse bei“ und „Proteine tragen zur Erhaltung von Muskelmasse bei“ (VO (EU) 432/2012; Voraussetzung ist die Proteinquellen-Schwelle, die Mykoprotein-Produkte deutlich überschreiten). Beachten Sie: Diese Claims gelten für Protein allgemein – nicht spezifisch für Mykoprotein.

Die offene Flanke

Dass die formale Qualitätskennzahl (DIAAS) fehlt, während die funktionellen Studien stark sind, ist kein Widerspruch, sondern typisch für eine junge Zutat: RCTs zur Muskelproteinsynthese sind publikationsstark, Ileostomie-Studien für DIAAS aufwendig und unglamourös. Wir prüfen diese Lücke bei jeder Aktualisierung neu – eine einzige Studie kann den Absatz oben veralten lassen, und dann ändern wir ihn.

Die Inhalte dieser Seite geben den Stand der zitierten Forschung wieder und sind keine medizinische oder ernährungstherapeutische Beratung. Bei Allergien, Unverträglichkeiten oder Erkrankungen entscheidet das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder einer zertifizierten Ernährungsfachkraft.

Stand: 31. August 2026 · Wir aktualisieren diese Seite, wenn sich die Zulassungs- oder die Studienlage ändert.

Häufige Fragen

Enthält Mykoprotein alle essenziellen Aminosäuren?

Ja, alle neun – erstlimitierend sind laut dem verfügbaren Abstract Methionin und Cystein, wie bei vielen nicht-tierischen Proteinen. Für die Praxis relevant wird das erst bei sehr einseitiger Ernährung.

Was ist besser: Mykoprotein oder Whey?

In den vorliegenden RCTs stimulierte Mykoprotein die Muskelproteinsynthese mindestens so stark wie Milchprotein. Whey bleibt schneller verfügbar und günstiger je Gramm Protein; Mykoprotein bringt Ballaststoffe mit. „Besser“ hängt vom Ziel ab.

Warum gibt es keinen DIAAS-Wert für Mykoprotein?

Weil die dafür nötigen In-vivo-Studien (ileale Verdaulichkeit) bislang nicht publiziert wurden – die Fachliteratur benennt diese Lücke ausdrücklich. Ein kursierender DIAAS-Wert ohne Studienangabe ist ein Warnsignal.

Quellen

Diese Seite stützt sich auf die folgenden Quellen. Alle Angaben wurden zum genannten Prüfdatum gegen den dort dokumentierten Stand geprüft.

  1. Edwards DG, Cummings JH: The protein quality of mycoprotein. Proc Nutr Soc 2010;69(OCE4):E331, doi:10.1017/S0029665110001400 – Konferenz-Abstract (geprüft am 31.08.2026)
    https://doi.org/10.1017/S0029665110001400
  2. Protein transition: focus on protein quality in sustainable alternative sources. Crit Rev Food Sci Nutr 2024, doi:10.1080/10408398.2024.2365339 (geprüft am 31.08.2026; Volltext verlagsgesperrt, Aussage über die indexierte Vorschau verifiziert)
    https://doi.org/10.1080/10408398.2024.2365339
  3. Monteyne AJ et al.: Mycoprotein ingestion stimulates protein synthesis rates to a greater extent than milk protein… Am J Clin Nutr 2020;112(2):318-333, doi:10.1093/ajcn/nqaa092 (geprüft am 31.08.2026)
    https://doi.org/10.1093/ajcn/nqaa092
  4. Monteyne AJ et al.: Vegan and Omnivorous High Protein Diets Support Comparable Daily Myofibrillar Protein Synthesis Rates and Skeletal Muscle Hypertrophy… J Nutr 2023;153(6):1680-1695, doi:10.1016/j.tjnut.2023.02.023 (geprüft am 31.08.2026)
    https://doi.org/10.1016/j.tjnut.2023.02.023
  5. West S et al.: Ingestion of mycoprotein, pea protein, and their blend… Am J Physiol Endocrinol Metab 2023;325(3):E267-E279, doi:10.1152/ajpendo.00166.2023 (geprüft am 31.08.2026)
    https://doi.org/10.1152/ajpendo.00166.2023
  6. VO (EU) Nr. 432/2012 – zugelassene gesundheitsbezogene Angaben zu Protein (EUR-Lex, geprüft am 31.08.2026)
    https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32012R0432

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